Zirkuläres Bauen: Bestehende Werte erhalten und neue Kreisläufe schaffen

Unser Weg zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Gebäuden, Bauteilen und Ressourcen

Die Bauwirtschaft steht vor einer grundlegenden Veränderung. Steigende Baupreise, knapper werdende Rohstoffe, hohe Entsorgungskosten und die Folgen des Klimawandels verlangen neue Antworten. Gleichzeitig werden in Deutschland noch immer große Mengen grundsätzlich nutzbarer Gebäude, Bauteile und Materialien abgebrochen, zerkleinert oder entsorgt.

Wir sind überzeugt: Die Zukunft des Bauens liegt nicht allein in der Entwicklung immer neuer Produkte. Sie liegt ebenso im intelligenten Umgang mit dem, was bereits vorhanden ist.

Für unser Architekturbüro wird deshalb die Frage der Kreislauffähigkeit künftig einen noch größeren Stellenwert einnehmen. Bei Neubauten, Sanierungen und Umnutzungen wollen wir konsequenter untersuchen, welche vorhandenen Bauteile erhalten, aus anderen Gebäuden übernommen oder aus Recyclingmaterialien hergestellt werden können.

Dabei verstehen wir zirkuläres Bauen nicht als kurzfristigen Trend, sondern als Erweiterung einer Haltung, die unsere Arbeit bereits seit vielen Jahren prägt: Gebäude langfristig nutzbar zu machen, den Bestand sorgfältig weiterzuentwickeln und ökologische, wirtschaftliche und gesundheitliche Anforderungen miteinander zu verbinden.

Der Bestand ist nicht das Problem, sondern ein Teil der Lösung

Vor jedem Abbruch sollte zunächst die Frage stehen, ob ein Gebäude oder wesentliche Teile seiner Konstruktion weiterverwendet werden können. Tragwerke, Fassaden, Fenster, Türen, Bodenbeläge, Treppen, Leuchten und technische Einbauten enthalten wertvolle Rohstoffe und erhebliche Mengen an grauer Energie.

Werden solche Bauteile erhalten oder erneut eingesetzt, müssen sie weder energieaufwendig neu hergestellt noch als Abfall entsorgt werden. Gleichzeitig bleiben die Energie und die Ressourcen, die bereits in ihre Herstellung geflossen sind, weiterhin nutzbar.

Wie groß das ökologische und wirtschaftliche Potenzial des Weiterbauens sein kann, zeigt unser Projekt einer ehemaligen Turnhalle mit Schwimmbad. Dort haben wir intensiv untersucht, ob Abbruch und Neubau oder die Sanierung und Neuorganisation des Bestands die sinnvollere Lösung darstellen. Die Untersuchung ergab, dass der Erhalt der vorhandenen Stahlbetonkonstruktion nicht nur Ressourcen schonte, sondern gegenüber dem vollständigen Abbruch und Neubau auch einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil bot.

Dazu veröffentlichen wir in Kürze einige interessante Projekte.

Vom linearen Verbrauch zum Kreislauf

Die herkömmliche Bauwirtschaft folgt häufig noch einem linearen Prinzip: Rohstoffe werden gewonnen, zu Baustoffen verarbeitet, in einem Gebäude eingesetzt und am Ende der Nutzungsdauer abgebrochen. Ein erheblicher Teil der Materialien wird anschließend nur noch für minderwertigere Zwecke verwendet oder endgültig entsorgt.

Ein zirkulärer Bauprozess verfolgt ein anderes Ziel. Gebäude werden als vorübergehende Materiallager verstanden. Bauteile sollten möglichst lange verwendet, instand gesetzt und bei veränderten Anforderungen angepasst werden. Ist eine weitere Nutzung am ursprünglichen Ort nicht möglich, sollten sie zerstörungsfrei ausgebaut und an anderer Stelle erneut eingesetzt werden.

Erst wenn eine direkte Wiederverwendung technisch oder wirtschaftlich nicht mehr möglich ist, folgt die stoffliche Aufbereitung. Auch dabei sollte das Ziel sein, Materialien auf einem möglichst hohen Qualitätsniveau in den Kreislauf zurückzuführen.

Daraus ergibt sich folgende Reihenfolge:

  1. Gebäude erhalten und weiterentwickeln,
  2. Bauteile instand setzen und weiter nutzen,
  3. Bauteile zerstörungsfrei ausbauen und wiederverwenden,
  4. Materialien hochwertig recyceln,
  5. Entsorgung nur als letzte Möglichkeit.

Vorhandene Bauteile frühzeitig in die Planung einbeziehen

In Deutschland, Österreich, der Schweiz und weiteren europäischen Ländern entstehen digitale Marktplätze, Bauteilbörsen und Urban-Mining-Unternehmen. Sie erfassen Materialien teilweise bereits vor dem Rückbau eines Gebäudes, vermitteln sie an neue Projekte und organisieren je nach Anbieter auch Ausbau, Prüfung, Aufbereitung, Lagerung und Transport.

Diese Entwicklung eröffnet der Architektur neue Möglichkeiten. Statt ausschließlich aus Katalogen neuer Hersteller auszuwählen, können Planer auch auf bereits vorhandene Bauteile und Materialien zurückgreifen.

Für kommende Projekte möchten wir deshalb frühzeitig prüfen, welche geeigneten Angebote über solche Plattformen verfügbar sind. Denkbar sind unter anderem:

  • Türen, Fenster und Fassadenelemente,
  • Ziegel, Natursteine und Pflaster,
  • Stahl- und Holzbauteile,
  • Doppelböden und Trennwandsysteme,
  • Leuchten und technische Einbauten,
  • Sanitärobjekte,
  • Boden- und Wandbeläge,
  • Dachziegel und historische Baustoffe,
  • überschüssige oder ungenutzte Neubaumaterialien,
  • Bauteile aus geplanten Rückbauvorhaben.

Unser Ziel ist es, solche Materialien nicht lediglich nachträglich und dekorativ in einen bereits fertigen Entwurf einzufügen. Die Verfügbarkeit geeigneter Bauteile soll möglichst früh in die Planung einbezogen werden. Abmessungen, Eigenschaften, Zustand und verfügbare Mengen können dadurch zu einem bewussten Bestandteil des Entwurfs werden.

Ökologische und wirtschaftliche Potenziale zusammenbringen

Die Wiederverwendung von Bauteilen ist zunächst eine ökologische Entscheidung. Sie reduziert den Bedarf an Primärrohstoffen, vermeidet Abfall und kann erhebliche Mengen an Herstellungsenergie und CO₂-Emissionen einsparen.

Sie kann aber auch wirtschaftliche Vorteile bieten. Gebrauchte Bauteile, Restbestände oder Materialien aus Rückbauprojekten können günstiger sein als vergleichbare Neuprodukte. Bei steigenden Materialpreisen und angespannten öffentlichen Haushalten können solche Einsparungen dazu beitragen, ein Projekt innerhalb seines Kostenrahmens realisierbar zu halten.

Allerdings ist die Wiederverwendung nicht automatisch bei jedem Bauteil preiswerter. Kosten für den sorgfältigen Ausbau, Prüfung, Dokumentation, Transport, Aufarbeitung und Zwischenlagerung müssen berücksichtigt werden. Umso wichtiger ist es, diese Möglichkeiten nicht erst während der Bauausführung zu prüfen, sondern bereits in der Bedarfsplanung und im Entwurf zu berücksichtigen.

Wenn geeignete Materialien frühzeitig identifiziert und Rückbau- und Neubauprojekte zeitlich sowie räumlich aufeinander abgestimmt werden, können ökologische und wirtschaftliche Vorteile zusammenkommen.

Damit kann zirkuläres Bauen auch einen Beitrag dazu leisten, öffentliche Bauaufgaben trotz steigender Baupreise umsetzbar zu halten und weiterhin Aufträge für die regionale Bauwirtschaft und das Handwerk zu ermöglichen.

Neue Aufgaben für Handwerk und Planung

Zirkuläres Bauen bedeutet ausdrücklich nicht, dem Handwerk Arbeit zu entziehen oder technische Innovationen zu verhindern. Das Gegenteil ist der Fall.

Gebrauchte Bauteile müssen fachgerecht ausgebaut, geprüft, gereinigt, instandgesetzt, angepasst und erneut montiert werden. Dafür werden Erfahrung, handwerkliches Können und neue spezialisierte Dienstleistungen benötigt. Aus Abbrucharbeiten können qualifizierte Rückbauarbeiten werden. Aus der Entsorgung entstehen Aufbereitung, Reparatur und Wiedereinbau.

Die Kreislaufwirtschaft kann damit neue Tätigkeitsfelder für Handwerksbetriebe, Rückbauunternehmen, Tragwerksplaner, Sachverständige und Produkthersteller schaffen.

Auch moderne Lösungen für Wärmeschutz, sommerlichen Hitzeschutz, Barrierefreiheit, Brandschutz, Schallschutz und Raumlufthygiene bleiben unverzichtbar. Gebrauchte Bauteile dürfen nicht unkritisch eingesetzt werden. Sie müssen für den jeweiligen Verwendungszweck geeignet sein und die erforderlichen technischen, energetischen und gesundheitlichen Anforderungen erfüllen.

Es geht daher nicht um ein pauschales „alt statt neu“. Es geht um eine intelligente Verbindung:

  • Bestehendes erhalten, wo es sinnvoll ist,
  • Gebrauchtes wiederverwenden, wo es geeignet ist,
  • Materialien aufbereiten, wo dies möglich ist,
  • neue Produkte gezielt dort einsetzen, wo sie technisch notwendig oder langfristig vorteilhaft sind.

Öffentliche und kirchliche Bauherren begleiten

Gerade öffentliche und kirchliche Bauherren können eine wichtige Vorreiterrolle übernehmen. Schulen, Kindertagesstätten, Verwaltungsgebäude, Pflegeeinrichtungen und soziale Einrichtungen werden über lange Zeiträume genutzt und häufig mehrfach umgebaut. Sie bieten deshalb ein großes Potenzial für langlebige, anpassbare und kreislauffähige Konstruktionen.

Gleichzeitig stellen öffentliche Projekte besondere Anforderungen. Vergaberecht, Produktnachweise, Gewährleistung, Brandschutz, Schadstofffreiheit und die Dokumentation der vorhandenen Bauteile müssen frühzeitig geklärt werden.

Wir möchten unsere Auftraggeber bei dieser Entwicklung begleiten und gemeinsam mit ihnen untersuchen,

  • welche Teile eines vorhandenen Gebäudes erhalten werden können,
  • welche Bauteile aus einem Rückbau wiederverwendbar sind,
  • welche gebrauchten Materialien für ein neues Projekt zur Verfügung stehen,
  • wie ihre technische Eignung nachgewiesen werden kann,
  • wie Ausbau, Lagerung und Wiedereinbau ausgeschrieben werden können,
  • welche wirtschaftlichen und ökologischen Einsparungen erreichbar sind.

Unsere Aufgabe als Architekten sehen wir dabei nicht nur in der Gestaltung eines Gebäudes. Wir verstehen uns ebenso als Koordinatoren eines Prozesses, der vorhandene Ressourcen, neue Anforderungen und die Arbeit aller Beteiligten zusammenführt.

Erfahrungen teilen und Kontakte aufbauen

Wir möchten künftig verstärkt den fachlichen Austausch mit Unternehmen, Materialplattformen, Bauteilbörsen, Fachplanern und Architekturbüros suchen, die bereits praktische Erfahrungen mit Urban Mining und der Wiederverwendung von Bauteilen besitzen.

Dazu wollen wir Kontakte aufbauen, Erfahrungen austauschen und prüfen, welche Unternehmen bei konkreten Aufgabenstellungen projektbezogen einbezogen werden können.

Nachfolgend möchten wir in Zukunft ausgewählte Unternehmen, Plattformen und Initiativen vorstellen, die sich mit der Wiederverwendung von Bauteilen, Urban Mining und zirkulärem Bauen befassen. Wir arbeiten gerade an einer Zusammenstellung.